Yoga in der Schule

 

RZ. Seitdem die positiven Effekte der Yogaübungen auf den Organismus und die Persönlichkeit des Menschen im Westen mehr und mehr erkannt und belegt wurden, kam auch zunehmend die Forderung auf, eigentlich müsste recht früh im Leben, also bereits im Kindes- oder Jugendlichenalter ein erster Kontakt mit Yoga stattfinden. Vor allem auf privater Ebene ist diese Idee weitergetragen und im Rahmen von vielerorts stattfindenden Kursen mit Kindern und Jugendlichen realisiert worden. Der Sozialpä-dagoge Thomas Bannen-berg aus Heidelberg (D) leitet z.B. seit mehreren Jahren Ausbildungen für Personen, die Kindern Yoga unterrichten wollen. Hunderte von AbsolventInnen, darunter ein beachtlicher Teil in der Schweiz, sind heute mit Tausenden von teilnehmenden Kindern in diesem Bereich tätig.


Verbesserung der Selbstregulation und soziale Fähigkeiten

Von dieser Situation und den allerorts gewonnenen posi-tiven Erfahrungen war es nur ein kleiner Schritt zur Hypothese, dass Yoga mit ebensolchem Erfolg in die öffentliche Schulen integriert werden könnte. Sei es als Bestandteil des herkömmlichen Turnunterrichts mit Schwerpunkt auf den Körperübungen, sei es als eigenständiges Fach mit dem Lernziel der verbesserten Selbstregulation oder entwickelten sozialen Fähigkeiten. Dass die Schule nicht nur durch die Vermittlung materiell verwertbaren Wissens einseitig auf die Perpetuierung der Leistungsgesellschaft und die Hervorbringung von Arbeitskräften für die Wirtschaft auszurichten sei, ist eine Forderung die schon jahrzehntelang besteht, und von besonnenen Geistern keineswegs abgelehnt, ja bis zu einem gewissen Grade bereits heute als Ziel von Lehrplänen erfüllt bzw. umgesetzt wird. Zunehmend Stressoren bei Heranwachsenden

Davon, dass in der Fortführung dieser Denktradition die Integration von Elementen des Yoga eine geradezu ideale Ausbalancierung des Unterrichts darstellen könnte, ist der Deutsche Marcus Stück ausgegangen. Seine Forschung "Entspannungstraining mit Yogaelementen in der Schule" ist inzwischen publiziert worden. Bereits Heranwachsende sind starken Stressoren ausgesetzt, sind beansprucht und belastet, was zu Folgen im Schulkontext wie emotionalen Störungen, motivationalen Störungen, Verhaltensstörungen, Aufmerksamkeitsproblemen bzw. Konzentrationsschwächen und psychosomatischen Störungen führen kann. Sein Programm hatte zum Ziel den Schülerinnen und Schülern Methoden beizubringen, mit denen sie ihren Stress besser bewältigen könnten, so dass die genannten Leiden gemindert würden. Seine Ergebnisse sind überzeugend und ermutigend:

"Es kann festgestellt werden, dass sich das Entspannungstraining mit Yogaelementen für den Einsatz als längerfristiges Kursangebot in der Schule eignet und für Schüler attraktiv ist.

Die Tatsache, dass die SchülerInnen mit den Übungen des Trainings ein "universelles Handwerkzeug" zur Selbstregulation erlernt haben, die Übungen annehmen und selbständig anwenden, gehört zu den wichtigsten Ergebnissen, die erzielt wurden.

Es konnten die unmittelbare Entspannungswirkung und Verbesserungen im Wohlbefinden infolge der Trainingssitzungen mit psychophysiologischen Messmethoden und subjektiven Schätzskalen nachgewiesen werden.

Durch das Programm wurden verschiedene personelle Bedingungen verändert bzw. stabilisiert, die wir als Voraussetzung für das erfolgreiche Bewältigen von Stress ansehen.“

Mit dieser spezifischen Studie konnte zwar nicht nach-gewiesen werden, ob Yoga dabei hilft, Prüfungsängste abzubauen (ebenfalls ein weites Feld), doch die übrigen Ergebnisse sind derart eindeutig, dass Marcus Stück zur zusammenfassenden Schlussfolgerung kommt: "Das Entspannungstraining mit Yogaelementen kann als Bewältigungshilfe für Belastungen effektiv und praktikabel im Schulkontext eingesetzt werden.”
Yoga in der Pubertät

In der Schweiz hat Betsy Stadler im Rahmen des Nachdiplom-Lehrgangs in Gesundheitsförderung die Fragestellung noch erweitert, indem sie ihr Programm besonders auf den Lebensabschnitt der Pubertät ausrichtete. Kann Yoga nicht nur bei der Verarbeitung der schulischen Belastungen sondern auch auch bei der persönlichen Identitätsfindung, bei einer positiv erlebten Abnabelung vom Elternhaus und bei der Integration in die Gesellschaft einen Beitrag leisten und damit destruktiven innerpsychischen Tendenzen, z.B. zum Drogenkonsum und zur Kriminalität, entgegenwirken Ihren Versuch führte sie an der Kreisschule in Bättwil durch. Er lief über drei Monate. Obwohl sich nicht alle SchülerInnen gleichermassen angesprochen fühlten und etliche den Kurs abbrachen, konnten doch bei den andern einige signifikante Effekte in den Bereichen

geistige Konzentrationskraft


psychisch-physisches Gleichgewicht (nach Ayurveda) und


körperliche Flexibilität 

gemessen werden. Dr. med. Dorit Muecke kommt in einer ärztlichen Beurteilung des Projektes zum Schluss, eindrücklich gewesen sei zudem "das grosse Interesse und Bedürfnis der SchülerInnen nach körperlich-seelischer Harmonisierung durch geführte Meditation." 

Die Yogalehrerin Slavica Radimerski aus Therwil, versuchte ein ähnliches Forschungsprojekt an ihrem Wohnort zu realisieren, wobei dies aufgrund des mangelnden Interesses der Schulverantwortlichen in dieser Form nicht zustandekam, und sie dadurch gezwungen war, die Studie auf privater Basis selbst durchzuführen. Zur Evaluation verwendete sie die von Marcus Stück entwickelten Fragebögen. Obwohl sich die Ergebnisse, weil es sich um eine eher kleine Gruppe von sieben Mädchen handelte, am unteren Ende statistischer Relevanz bewegen, bestätigen sie zum Teil den Trend, der bereits in den anderen Projekten beobachtet werden konnte.


Yoga in der Schule macht Sinn

Eine etwas andere Perspek-tive eingenommen hat Bar-bara Jenny, deren Projekt "Yoga in der Schule" als eine Abschlussarbeit am Leh-rerInnenseminar Mariaberg in Rorschach entstanden ist. Auf die Frage, weshalb in der Schule Yoga zu üben sei, führt sie aus:

"Das bisher (über die allge-meinen gesundheitsfördernden Wirkungen von Yoga - die Red.) Gesagte verdeutlicht, dass Yoga an sich sinnvoll ist und deshalb auch in der Schule - richtig angewandt - Sinn macht. Die Kinder lernen schon früh, richtig zu atmen und auf ihre Körperhaltung zu achten. Ihre Gesundheit und Wider-standskraft werden ge-stärkt. Sie entwickeln ein Gefühl für ihren Körper und für sich selbst, festigen also über das Körper- schliesslich das Selbstbewusstsein. 

Aber nicht nur die Selbst- auch Sozial- und Sachkompetenz können durch das Üben von Yoga gefördert werden. Indem etwa der Zweck einer Übung vorgängig erklärt wird, wird nicht nur deren Wirkung erhöht, sondern die Kinder erfahren auch einiges über die Körperzusammenhänge. Das Üben und Erleben im Klassenverband und der nachherige Austausch der persönlichen Erfahrungen unterstützen schliesslich das Gemeinschaftsgefühl und die Sozialkompetenz der/des einzelnen.“


Heute noch ein Feld der PionierInnen

Im Rahmen ihrer Praktika führt sie Yogastunden mit verschiedenen Klassen durch, die sie sowohl mit den TeilnehmerInnen als auch mit den PraktikumsleiterInnen bespricht und in Ihrer Diplomarbeit ausführlich darstellt. Nicht ganz alles gelingt wie gewünscht, was sie durchaus selbstkritisch einräumt, doch ist auch sie übezeugt, dass, sinnvoll angegangen, Yoga seinen berechtigten Platz in der Schule haben kann.

Eines ist heute gewiss: Die Integration von Yogaelementen in der Schule hat nachweislich positive Effekte. Sie wurde da und dort im Rahmen von Projekten bereits erfolgreich ausprobiert und evaluiert. Immer noch handelt es sich aber um punktuelle Vorstösse, um Initiativen, die von Yogaunterrichtenden ausgehen, und deren Realisierung sich durch LehrerInnen und Behörden ermöglicht, die offen für Neues, und die dem Yoga gegenüber wohlgesonnen sind. Eine eigentliche Etablierung von Yoga im Schulsystem kann, abgestützt auf die gegenwärtige Datenlage, zwar als wünschbar bezeichnet werden, dürfte aber angesichts des diesbezüglich notwendigen gesamtgesellschaftlichen Konsenses noch einige Zeit auf sich warten lassen.

 

Der Artikel ist zusammen mit weiteren Beiträgen und Praxisbeispielen zum Thema Yoga in der Schule im Yoga Journal Nr. 7 erschienen.

zurück zur Übersicht