Die Mystiker und Dichter-Heiligen Indiens

Dr. Joachim Reinelt

 

Nur wenig ist bisher in den westlichen Ländern über das große Erbe der Mystiker und Dichterheiligen Indiens bekannt, die mit ihrem Leben und ihren literarischen Werken Zeichen setzten für den Weg zur höchsten Freiheit und Vollkommenheit. Obgleich häufig von einfacher sozialer Herkunft waren es Frauen und Männer von hohem geistigen Rang und außergewöhnlichem Charisma. Sie prägten die großen Traditionen des Yoga und der Bhakti ganz entscheidend und verhalfen ihnen zu stetig wachsender Popularität.

Diese Sants (abgeleitet von Skt. sat, “wahr, echt, weise“), wie sie in Indien genannt werden, waren von ihrer Persönlichkeit und in ihrem Lebensstil so unterschiedlich wie das Leben selbst. Dennoch verband sie alle etwas miteinander: die Erfahrung bzw. der Zustand des höchsten Bewusstseins, verbunden mit der Fähigkeit diesen Zustand mit der Kraft des Wortes anderen Menschen nahe zu bringen. Und dies ist durchaus wörtlich zu verstehen. Denn die Kraft ihrer eigenen Erfahrung war und ist auf geradezu magische Weise mit ihren Gedichten und Liedern verwoben. Sie überträgt sich auf den Leser bzw. Hörer, und schafft so Raum für die eigene, unmittelbare Erfahrung.

Wenn man an die Sants – insbesondere an die Kavi-Sants, wörtlich “Dichter-Heilige“ – denkt, fallen einem solche Persönlichkeiten wie Jnaneshvar das philosophische und spirituelle Genie, Namdev der Schneider, Chokha der Unberührbare, Gora der Töpfer, Sautamali der Gärtner, Sena der Barbier, Kanhopatra die Tänzerin, Eknath der Brahmane, Tukaram der Gemüseverkäufer, Ravidas der Schuster, Kabir der Weber, Mirabai die Prinzessin, Lala-ded die große Mystikerin und viele, viele mehr ein. Zwei der soeben genannten – nämlich Jnaneshvar und Kabir – wollen wir uns nun eingehender betrachten.

 

 

Jnaneshvar

Jnaneshvar, auch Jnandev, wörtlich “Herr” oder “Meister des Wissens”, ist ein in literarischer und spiritueller Hinsicht einzigartiges Phänomen. Die Menschen nannten und nennen ihn noch heute Jnaneshvar Maharaj, den “großen König”, obgleich er nachweislich nur 23 Jahre (!) alt wurde. Er kam 1271 in dem Gebiet des heutigen Staates Maharashtra (Westindien) zur Welt und sein Leben war ein Feuerwerk von ungewöhnlichen Ereignissen und Taten. So führte er schon als Jugendlicher seine eigene Muttersprache, Marathi, als Sprache der Philosophie, Literatur und Religion ein. Das war höchst ungewöhnlich für die damalige Zeit, denn ähnlich wie hier in Europa Latein die Sprache der Priester und Gelehrten war, so war in Indien ausschließlich Sanskrit die Sprache, in der die heiligen und philosophischen Texte verfasst waren und rezitiert wurden.

Doch um auch den einfachen Menschen Gott bzw. das Göttliche näher zu bringen, schrieb Jnaneshvar im Alter von neunzehn Jahren einen der maßgeblichen Kommentare zur Bhagavadgita – die Jnaneshvari – bestehend aus 1788 Doppelversen. Mit der Jnaneshvari, einer äußerst yogischen und tantrischen Auslegung der Bhagavadgita, legte Jnaneshvar den Grundstein zur Marathi-Literatur. Darüber hinaus verfasste er noch zwei weitere philosophische Werke, das Amritanubhava und das Changdev-Pasashthi, eine Sammlung von Versen über den Namen Gottes, genannt Haripatha, eine 108 Verse umfassende Hymne an Gott, das Namana, und unzählige Gedichte devotionalen und mystischen Inhalts – dies alles in dem von ihm entwickelten Versmaß, dem Ovimeter. Hier ein kurzer Ausschnitt aus dem ersten Kapitel seines höchst poetischen und philosophischen Werkes Amritanubhava, wörtlich “Nektar der Selbst-Erfahrung”:

 

 

“Ich bringe dem höchsten Gott und der höchsten Göttin meine Verehrung dar,

den grenzenlosen, uranfänglichen Eltern des Universums.

Der Liebende ist aus unbegrenzter Liebe zur Geliebten geworden.

Beide bestehen aus der selben Substanz.

Beide teilen dasselbe Mahl.

Aus Liebe zueinander vereinigen sie sich,

und wieder trennen sie sich – aus schierer Freude zwei zu sein.

Es ist Shiva allein, der in allen Formen lebt.

Er ist beides: das Weibliche und das Männliche.

Es ist wegen der Vereinigung dieser beiden Hälften, dass das Universum existiert.

Zwei Instrumente – ein Ton.

Zwei Blüten – ein Duft.

Zwei Leuchten – ein Licht.

Zwei Lippen – ein Wort.

Zwei Augen – ein Blick.

Diese beiden – ein Universum.“

 

Da Jnaneshvar den nach yogischem Verständnis höchsten geistigen Zustand erlangt hatte – die Vereinigung mit dem höchsten Bewusstsein (paramashiva) und der uranfänglichen, allumfassenden Schöpfungskraft (paramashakti) – waren, so will es scheinen, auch seine gesprochenen und geschriebenen Worte von dieser ursprünglichen, nährenden Kraft. Hierzu passt, dass ihn die Menschen, obwohl er noch von zartem Alter war, Mauli, “Mutter”, nannten und auch heute noch nennen. Obwohl er große spirituelle Autorität besaß, war er seinem älteren Bruder Nivrittinath, der gleichzeitig sein Guru war, liebevoll ergeben und schrieb:

“Ich verneige mich vor meinem Guru Nivritti.

Schon durch einen Blick von ihm wird aus Gefangenschaft Befreiung.

Und der Erkennende wird zum Erkannten.

Er verschenkt das Gold der Befreiung an alle, an Große und Kleine.

Er ist es, der die Vision des Höchsten Selbstes gewährt.

Er hat den hohen Status ‚Guru’ erlangt, indem er keinen Status besitzt.

Sein Reichtum ist die Fähigkeit, uns von dem zu befreien, was nicht existiert.

Die Worte ‚Guru’ und ‚Schüler’ beziehen sich auf eine einzige Realität.

Der Guru allein existiert in beiden Formen.

Der Mond allein existiert in beidem – Mond und Mondlicht.

Kampfer und sein Duft sind nichts als Kampfer.

Obwohl Guru und Schüler als zwei erscheinen,

ist es der Guru allein, der sich als beide verkleidet.”

 

Jnaneshvar und seine Geschwister – sein kaum älterer Bruder Nivritti, sein jüngerer Bruder Sopan und seine kleine Schwester Muktabai – waren von dem berühmten Nath-Guru Ganininath bereits als Kinder in die Tradition der Nath-Yogis initiiert worden. Sie entwickelten sehr bald einzigartige übernatürliche Kräfte, die ihnen halfen im Dschungel zu überleben. Denn ihre Familie war von der Gesellschaft ausgestoßen worden, nachdem bekannt geworden war, dass der Vater erst geheiratet und dann das Mönchsgelübde abgelegt hatte, um später wieder zu seiner Frau zurück zu kehren. Doch die Kinder gingen trotz Entbehrungen und Anfeindungen unbeirrt ihren Weg und erlangten mit geradezu spielerischer Leichtigkeit den höchsten Zustand. Alle vier brachten unabhängig voneinander große, noch heute existierende Yoga-Traditionen hervor.

An seinen Schüler Changdev - einem mächtigen, alten und sehr stolzen Yogi - schrieb der junge Jnaneshvar 65 Verse, die als Changdev-Pasashthi Berühmtheit erlangten, und in denen er die prinzipielle Einheit von Guru und Schüler darlegt, um Changdev die letzte und schwerste Hürde nehmen zu lassen – das eigene Ego. Darin heißt es u.a.:

 

“Jnanadeva sagt: Du und Ich, wir sind Eins, ohne Name und ohne Form.

Deshalb verschlinge gänzlich diese Begrenzungen von ‚Ich’ und ‚Du’,

und wir werden uns wahrlich begegnen.

Oh Changdev, dieses Wissen hat deine Tür erreicht, ungebeten, aus eigenem Antrieb.

Geh’ nun jenseits von beidem - Wissen und Objekt des Wissens

und erreiche den letztendlichen Zustand.”

 

 Jnaneshvars Persönlichkeit war schillernd, facettenreich, überaus ungewöhnlich. Er war einer der größten und begnadetsten indischen Philosophen und Vertreter der nicht-dualistischen Lehre. Er lehrte, dass das Universum in keiner Weise vom Absoluten verschieden und alles in der Welt ein Spiel des einen göttlichen Bewusstseins sei. Darüber hinaus besaß er die hohe Gabe diese Philosophie mit ihren komplexen und schwierigen Sachverhalten auf einfache und anschauliche Weise zu vermitteln:

 

“Zahllose Formen und Anblicke entstehen,

aber ein einziges Bewusstsein ist die Substanz von allem.

Dieses reine Bewusstsein, in dem sich Wissen und Nichtwissen umarmen,

begegnet sich selbst, indem es die zahlreichen sichtbaren Objekte erblickt.

So, wie Wasser mit sich selbst spielt, indem es die Form der Wellen annimmt,

ebenso spielt das Selbst, die Höchste Realität, glücklich mit sich selbst.

Ist die Sonne getrennt von ihren Strahlen, die sie großzügig umgeben?

Obgleich ein Lotos in tausend Blütenblättern erblüht, ist er dennoch immer eins.

Die Einheit des Selbst (Atman) geht nicht verloren,

auch wenn es das gesamte Universum ausfüllt.”

(aus dem “Amritanubhava”)

 

Ähnlich wie Shankara und andere große Philosophen und Mystiker lehrte und lebte Jnaneshvar, dass der Mensch nicht verschieden vom Göttlichen sei, und doch verehrte er paradoxerweise auch den persönlichen und mit Eigenschaften versehenen (saguna) Gott – denn nach seiner Auffassung gehört eben zum Spiel des Höchsten Bewusstseins, dass das Göttliche sowohl persönlich als auch unpersönlich ist – und verfasste viele Gedichte über die von ihm geliebte Gottheit Vitthala bzw. Hari:

 

“Wer sich mit der Lampe im Körper umsieht verwandelt alles in Meditation.

Dieser formlosen Substanz gestalt gebend hat Er alles in sich verwandelt.

Von der Versenkung in die Meditation und der Meditation in den Nicht-Geist

gibt es nichts, als den Herrn in jeder Form zu feiern.

Es ist wunderbar, dieses Freudenfest, diese Liebe zu Hari;

Krishna weicht keinen Moment lang von unserer Seite.

Vitthal, mein Vater, furchtlos, Herr der großen Göttin,

Furcht auf Furcht verschwindet in Ihm.”

 

 

Einzigartig sind seine Ausführungen was den Kundalini-Yoga betrifft. Wie es sich für einen Vertreter der Nath-Tradition ziemt, bediente er sich in solchen Fällen in typisch tantrischer Manier einer verschlüsselten Sprache, da solches Wissen zu schützen ist und sich nur dem autorisierten Eingeweihten offenbaren soll. Hier ein Beispiel:

 

“Junges Mädchen, das am Himmel wohnt.

Alle drei Welten in ihrem Leib.

Eins geworden mit dem höchsten Klang.

Zeugin am Tor der Schöpfung.”

 

Das ‚junge Mädchen’ steht hier natürlich für die Kundalini, die innere spirituelle Kraft. Dass sie ‚am Himmel wohnt’ bedeutet, dass sie eins ist mit dem höchsten Bewusstsein. Die ‚drei Welten im Leib’ ist ein Hinweis darauf, dass sie sowohl den Mikro- als auch den Makrokosmos hervorbringt. Der ‚höchste Klang’ ist Paravak, die höchste Sprachebene, bzw. Pranava, der OM-Laut. Sie ist ‚die Zeugin am Tor der Schöpfung’, denn obwohl sie die Aktivität und Kreativität per se ist und das Universum hervorbringt, bleibt sie – völlig unbeteiligt und unverändert – das ewig beobachtende Bewusstsein.

Sein Lebensende soll Jnaneshvar nach traditioneller Auffassung selbst bestimmt haben, und zwar auf eine Art und Weise, die selbst in yogischen und tantrischen Kreisen für höchst selten und außergewöhnlich erachtet wird. Im Alter von 23 Jahren, so wird berichtet, betrachtete er sein Lebenswerk als vollendet und erbat bei seinem Guru und Bruder Nivrittinath um die Erlaubnis sich “zurückziehen” zu dürfen. Er soll eine Höhle betreten haben, deren Eingang er mit einem großen Felsen verschließen ließ. Dann, so heißt es, ging er in Sanjivan-Samadhi ein, d.h. er beendete sein Leben als Individuum und vereinigte sich willentlich mit dem Absoluten – eine höchst seltenen Form des Mahasamadhi, bei dem normalerweise die letztendliche Verschmelzung mit dem höchsten Bewusstsein mit dem physische Tod des Erleuchteten einher geht. Sein Samadhi-Schrein in Alandi (nahe Poona), der sich genau über dem Eingang jener Höhle befindet und das Herzstück einer großen, faszinierenden Tempelanlage bildet, wird heute täglich von Tausenden von Pilgern besucht.

 

Jnaneshvars Samadhi-Schrein in Alandi

 

 

Kabir

Über Kabirs Leben gibt es zahllose Legenden, aber die tatsächlichen Fakten über sein Leben lassen sich in einigen wenigen Sätzen zusammen fassen. Er wurde in Benares (Nordindien) geboren, ungefähr zu Beginn des 15. Jahrhundert, und zwar als Sohn eines Webers, der kurz zuvor zum Islam konvertiert war. Kabir erlernte das Familienhandwerk und beschäftigte sich intensiv mit meditativen und devotionalen Praktiken unter Führung eines Hindu-Gurus. Im Laufe der Zeit entwickelte er sich selbst zu einem mächtigen spirituellen Lehrer und brillanten Poeten. Seine Werke sind einzigartig in ihrer Intensität und Direktheit – seine Sprache ist eine Kombination von Rauheit und Kraft. Er wird häufig sehr persönlich mit seiner Zuhörerschaft. Andere Sants sprechen in ihren Gedichten Gott an – Kabir spricht uns an:

 

“Denke nicht, dass ich außerhalb der Stadt bin.

Ich bin in Eurem Atem. Ich bin in Euch.

Kabir sagt: Meine Freunde, hört mir zu!

Das, wonach Ihr sucht, ist immer in Euch.”

 

Seine zahllosen Verse wurden von ihm oral komponiert und später von seinen Schülern und Bewunderern gesammelt. Es wird gemeinhin davon ausgegangen, dass er des Lesens und Schreibens unkundig war - wie er selbst offen bemerkt in diesem berühmten Vers:

 

 

“Ich berühre keine Tinte und kein Papier, diese Hand hat nie einen Stift gehalten,

die Großartigkeit der vier Zeitalter erzählt Kabir mit seinem Mund allein.”

 

Überhaupt war Kabir, alter indischer Tradition folgend, der Auffassung, dass allein das gesprochene Wort die Kraft der Transformation enthält, insbesondere wenn es sich um die Vermittlung spirituellen Wissens durch den geistigen Lehrer, den Guru, handelt.

Traditionellerweise geht man in Indien davon aus, dass Kabir ein Schüler des berühmten Gurus Ramananda war. Die vielleicht bekannteste Legende über Kabir handelt davon, wie er den orthodoxen Ramananda dazu brachte ihn, den Moslem, als Schüler anzunehmen und zu initiieren:

Früh am Morgen, als es noch dunkel war, legte sich der junge Kabir auf die Stufen, die hinunter zum Ganges führen. Als nun Ramananda zum Fluss hinunter stieg um sein Bad zu nehmen, trat er, da er nichts sehen konnte, auf Kabirs Körper. Er erschrak, und es geschah das, was sich Kabir erhofft hatte: Ramananda rief laut sein Mantra aus “Ram! Ram!” Bei dieser morgendlichen Begegnung wurde nun die Kraft des Gurus gleich in zweifacher Form auf Kabir übertragen – durch die Berührung mit den heiligen Füßen des Gurus und durch sein persönliches Mantra.

Ob sich diese Begegnung wirklich ereignet hat, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass Kabir in seinen Versen immer wieder auf die außerordentliche Bedeutung des Mantras bzw. Name Gottes hinweist, wie diese Beispiele zeigen:

 

“Kabir, ich wiederhole ihn unablässig, und jedermann kann es hören.

Indem er ‚Ram’ ruft, ist der Mensch gerettet. Ohne ihn ist alles Kummer.”

 

“Kabir, ich habe es ihnen gesagt, und ebenso taten das Brahma und Shiva.

Ram’s Name ist die Essenz der Wirklichkeit. Dies ist meine Lehre für alle.”

 

“Wenn Du plündern kannst, plündere! Lass den Namen Ram’s Deine Beute sein.

Sonst wirst Du es später bereuen, wenn Du Deinen letzten Atemzug machst.”

 

An dieser Stelle sollte darauf hingewiesen werden, dass bei Kabir mit ‚Ram’ nicht die Hindugottheit, die Inkarnation Vishnus, der Held des Epos Ramayana, gemeint ist. ‚Ram’ oder auch ‚Hari’ ist hier Gott in Form einer Klangschwingung, ein Mantra, das nach Kabirs Auffassung, jedem Befreiung schenkt, der es beständig wiederholt. Dieses besondere Wort (Skt. Shabda) ist insbesondere dann wirksam, wenn der Schüler es direkt vom Guru erhalten hat:

 

“Lass den Guru den Polierer sein, mit der Weisheit als seinem Werkzeug.

Schabend mit dem Shabda als Schaber, lass ihn Deine Seele wie einen Spiegel polieren.”

 

“Der Sadguru (wahrer Guru) ist der wahre Held, der nur ein einziges Wort (Shabda) entließ.

In dem Augenblick da es traf, fiel ich zu Boden, und eine Wunde öffnete sich in meiner Brust.”

 

Das “Wort“ (Shabda, von Kabir häufig verwendeter Begriff) wird hier, wie auch anderswo bei Kabir, verglichen mit einem “Pfeil”, der eine unsichtbare “Wunde” reißt. Gemeint ist das Gefühl der Trennung (Skt. Viraha, ebenfalls wichtiger Begriff bei Kabir) und die brennende Sehnsucht nach der Vereinigung mit dem Göttlichen, verursacht durch das Mantra des Gurus:

 

“Inmitten des Herzens brennt ein Feuer, dennoch sieht man keinen Rauch.

Der, den es verzehrt kennt diese Flamme und er, der sie entzündet hat auch.”

 

 

Der Guru ist bei Kabir, wie auch bei Jnaneshvar, von außerordentlicher Bedeutung – eines der Merkmale in Kabirs Lehren, die deutlich den tantrischen Einfluss zeigen. Im Tantrismus bewirkt nicht Gott sondern der Guru die Befreiung; der Guru ist hier das einzige Mittel zur Befreiung (siehe Shiva Sutra II.6) und die Verkörperung der gnadenspenden Kraft Gottes (siehe Malinivijaya Tantra). Tantrisch war auch die philosophisch-spirituelle Ausrichtung Kabirs, die den geistigen Weg (Skt. Sadhana) bestimmte, den er praktizierte und lehrte. Kabir war ein Vertreter der Nirguna-Bhakti, wonach die höchste Gottheit jenseits von Eigenschaften und Formen ist. Nirguna-Bhaktas wie Kabir glauben an die eine, absolute Realität, die jedoch unmittelbar im Herzen erfahren werden kann. Was Kabir in seinen Werken als ‚Hari’ oder ‚Ram’ anruft, ist ebendiese höchste, allgegenwärtige Realität, die Grundlage allen Seins. Nur vor dem Hintergrund dieses Glaubenskonzepts sind Gedichte und Lieder wie die folgenden zu verstehen:

 

Oh mein Diener, wo suchst Du mich? Siehe, ich bin bei Dir.

Ich bin weder im Tempel, noch in der Moschee, weder in Kashi noch auf dem Kailas.

Weder bin ich in Riten und Zeremonien, noch in Yoga oder Entsagung.

Wenn Du ein wahrhaft Suchender bist, wirst Du mich sogleich sehen,

mir begegnen im gleichen Augenblick.

Kabir sagt: Oh Sadhu höre! Ich bin die Ursache von allem.”

“Ich lache, wenn ich höre, dass den Fisch dürstet im Wasser.

Du siehst nicht, dass zu Hause die Wirklichkeit ist.

Und Du wanderst und wanderst von Wald zu Wald, lustlos. Hier ist die Wahrheit!

Gehe hin wo immer du willst, nach Benares oder Mathura – wenn Du die eigene Seele nicht findest, bleibt Dir die Welt unwirklich.”

 

Das Geheimnis der Befreiung liegt nach Kabir im Menschen selbst verborgen, in jener unbekannten Tiefe, wo das Leben, wie wir es bisher kennen, stirbt und wo Kala (bei Kabir häufig verwendeter Begriff für die Zeit als Form des Todes) verschwindet wie ein Geist bei Tageslicht – wenn die unauslöschliche Erfahrung “wie Millionen Sonnen” aufsteigt und dem Jiva (individuelle Seele) erlaubt, endlich in dem mystischen Sahaja-Zustand aufzugehen.

Nach Kabir ist der Sahaja-Zustand nur durch den “Ich-Tod” zu erlangen, d.h. wer ein Jivanmukta sein will, ein zu Lebzeiten Befreiter, muss notgedrungen ein “Jivanmrita” sein, einer der tot ist noch während er lebt.

 

“Als ich war, war Hari (Gott) nicht. Nun ist Hari, und ich bin nicht mehr.

Alle Dunkelheit verschwand, als ich das Licht in meinem Herzen sah.”

 

Das Ideal des Sahaja-Avastha oder Sahaja-Samadhi zeigt ebenfalls einen deutlichen Einfluss des tantrischen Yoga, insbesondere das der Nath-Yogis. Anders als der Samadhi im klassischen Yoga Patanjalis, ist dieser höchste geistige Zustand nicht von der Abkehr vom Leben gekennzeichnet. Da nach tantrischer Philosophie alles Existierende ein Ausdruck des höchsten, göttlichen Bewusstseins ist, erlebt derjenige, der sich schließlich selbst als identisch mit diesem erfährt, alles im Lichte dieses Bewusstseins. Diesen ekstatischen Zustand des Sahaja (Skt. Selbstgeboren, ursachelos, spontan) beschreibt Kabir folgendermaßen:

 

“sadhu sahaja samadhi bhali

guru pratapa jo din se jagi

din din adhika chali

Oh, Sucher, der natürliche Zustand des Samadhi ist der größte.

Vom Tage an, da er erweckt wurde durch die Gnade meines Gurus,

wuchs er Tag für Tag.

 

 

Wo immer ich gehe, gehe ich in der Nähe des Herrn.

Was immer ich tue, ist Verehrung an Ihn.

Wenn ich schlafe, liege ich ausgestreckt vor Ihm.

Ich verehre niemanden und nichts, außer dem Herrn selbst.

Was immer ich sage, wird zur Wiederholung Seines Namens.

Wenn ich esse und trinke, verehre ich Ihn.

Wenn ich unter Menschen bin, bin ich alleine mit Ihm.

Da gibt es kein Gefühl der Zweiheit, ich sehe keinen Anderen.

Ich sehe Ihn ohne meine Augen schließen zu müssen,

ohne meine Ohren schließen zu müssen,

ohne meinen Körper zu quälen.

Mit weit geöffneten Augen sehe ich Gott überall,

und ich lache und lache vor Freude, da ich Seine wunderbare Form in jedermann sehe.

Ich höre unablässig Sein göttliches Wort in mir.

Es beschäftigt meinen Geist, und all mein Verlangen wird weggewaschen.

Ob ich stehe, sitze oder spreche, immer ertönt dieser Klang in mir.

Mein Geist besingt Seine Großartigkeit Tag und Nacht.

Kabir sagt: Dieser Zustand über den ich singe, ist jenseits des menschlichen Geistes,

er ist der höchste Zustand des Bewusstseins.

Oh, ich gehe auf in dieser einen, höchsten Glückseligkeit.

Ich überschreite Freude und Leid.”

 

Zeichnung: Selvarajan Yesudian

 

 

Literaturempfehlungen:

 

Ranade, R.D.: Mysticism in Maharashtra, Indian Mysticism. Delhi. Motilal Barsidas (1988).

Kripananda, Swami: Jnaneshwar’s Gita, A Rendering of the Jnaneshwari. New York. State University of New York Press (1989).

Vaudeville, Charlotte: Kabir. Oxford. Clarendon Press (1974).

Id.: Kabir-Vani. Recension Occidentale. Introduction & Concordances par Ch. Vaudeville. Institute d’Indologie Pondichery.

 

 

Angaben zum Autor 

 

Dr. Joachim Reinelt studierte vergleichenden Sprachwissenschaften an der Universität Frankfurt/M. und Indologie sowie Religionswissenschaften an den Universitäten Heidelberg und Poona (Indien). Während seiner Forschungsaufenthalte in Maharashtra (Westindien) untersuchte er die bekanntesten yogisch-tantrischen und mystischen Traditionen, insbesondere die der Nathyogis, und fasste das Ergebnis in einer 2001 an der Universität Heidelberg veröffentlichten Doktorarbeit zusammen (siehe: www.ub.uni-heidelberg.de/archiv /2113). 2003 gründete er das Projekt proyoga (www.proyoga.de) und unterrichtet in München u.a. Entspannungstechniken für Kinder und Jugendliche und indische Philosophie und Yoga-Psychologie für Yogalehrer.

Der Beitrag ist erschienen im Yoga Journal Nr. 22

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