Der Himmel liegt in uns

Theos Bernard, ein entschlossener Ergründer des Hatha Yoga

 

Kaum noch bekannt ist heute der Amerikaner Theos Bernard, der als einer der grossen westlichen Pioniere in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Indien bereiste. Im Gegensatz zu Paul Brunton, der einige Jahre später ein ähnliches Vorhaben realisierte (vgl. Yoga Journal Nr. 8, S. 44) war Theos Bernard mehr an der Tiefe, denn an der Breite seiner Forschungen interessiert. Zuerst in Indien, später im Tibet nahm er eine strenge Yoga Schulung auf sich und protokollierte sie systematisch. Parallel dazu wertete er für sich die klassischen Hatha-Yoga Texte "Hathayoga Pradipika", "Gheranda Samhita" und "Shiva Samhita" aus. Als Frucht davon publizierte er das, leider schon längst vergriffene und nie auf deutsch übersetzte Buch "Heavens lies within us", sowie das etwas bekanntere, seinerzeit auch auf deutsch erschienene Buch "Hatha Yoga - The Report of a Personal Experience". Seine Erfahrungen, im damals praktisch unzugänglichen Tibet schilderte er im heute extrem raren Buch "Land of a Thousand Buddhas". Das Schicksal wollte es, dass er im Tibet als Reinkarnation eines verstorbenen buddhistischen Abtes erkannt wurde, was ihm unmittelbar Zugang zu geheimen Zeremonien und den literarischen Schätzen von Klosterbibliotheken verschaffte und ihm insgesamt eine Innenansicht des tantrischen Buddhismus Tibets gewährte.

 

He will not live

Zum Yoga gekommen war Theos Bernard in der Folge einer schweren Krankheit. Als Junge im Collegealter wurde er mit entzündlichem Rheumatismus in ein Spital in Arizona eingeliefert und hörte in halbbewusstem Zustand den Arzt zur Krankenschwester sagen: "He will not live"; und tatsächlich litt er unter unsäglichen Schmerzen und fühlte die Kräfte schwinden. Die Bemerkung des Doktors spornte jedoch seinen Lebenswillen erneut an und schliesslich war es seine Mutter, die sich gegenüber den Ärzten durchsetzte, ihren todkranken Sohn nach Hause brachte, wo er sich mit der Zeit wieder erholte.

 

 

Seine Mutter war es auch, die sich sehr stark für orientalische Philosophie interessierte und ihn auf Yoga aufmerksam machte. Eines Tages traf er überraschenderweise auf einen Inder, der sein erster Yogalehrer werden sollte. Der Inder war jedoch auf der Durchreise und konnte nur einen Abend bleiben.

Bis in den frühen Morgen hinein erklärte er ihm Elemente des indischen Denkens wie z.B. die Auffassung der vier für die Lebensführung wichtigen Aspekte, die jeder entsprechend seiner individuellen Natur und Lebensphase ins Dasein integrieren soll:

Dharma: Das Leben nach der kosmologischen und sozialen Ordnung zu führen;

Artha: Den materiellen Lebensunterhalt zu bestreiten, an Sicherheit und Vorsorge zu denken;

Kama: Den Lebensgenuss zu kultivieren;

Moksha: Nach religiöser Verwirklichung zu streben, sich innerlich zu befreien bzw. in diesem konkreten Fall Yoga zu üben.

 

 

Lotossitz, Kopfstand, Magenhub und Nauli

Theos Bernard will sein Leben sofort dem Yoga widmen, doch der Lehrer warnt ihn: In seinem Alter sei es zuerst wichtig, sich eine materielle Lebensgrundlage zu schaffen, so dass er später nie der Armut anheimfallen werde. Er solle deshalb ein Studium aufnehmen und daneben durch Arbeit etwas Geld verdienen. Als Vorbereitung für einen allfälligen späteren Yogaweg rät er ihm die folgenden Übungen zu erlernen: Den Lotussitz, den er wann immer möglich - also z.B. beim Lesen und Lernen - einnehmen soll bis er in der Lage sei, ihn eine Stunde zu halten, den Magenhub und Nauli, die er bis zu 1'500 Kontraktionen steigern soll, sowie den Kopfstand, den er bis zu einer Dauer von 30 Minuten entwickeln soll.

Der Guru meint, diese vier Grundübungen des Hatha Yoga würden für die ersten Jahre genügen und führt weiter aus, die schlimme Krankheit sei die Initiation gewesen, jetzt wisse er, dass das Glück von innen komme. Zum Abschied wünscht er ihm Geduld und Ausdauer. Diese seien die Schlüssel zur Erlösung. Über seine Übungen soll er mit niemandem sprechen. Nicht weil diese an sich geheim seien, aber da das Sprechen mit Uneingeweihten darüber bereits einen Teil der Energie koste, die eigentlich für die Übungen selbst benötigt würde.

 

Keine kompetenten Lehrer in Amerika

So praktiziert Theos Bernard neben seinem Studium und seiner Arbeit im Stillen die Übungen. Mit seinem Lehrer, der inzwischen nach Kalkutta zurückgekehrt ist, steht er in brieflichem Kontakt und erhält von Zeit zu Zeit neue Anweisungen.

Sein Interesse an Yoga wächst weiter an und er durchreist die USA, speziell die städtischen Agglomerationen Los Angeles, San Francisco, Chicago, New York etc. um in Bibliotheken nach Yoga-Literatur zu suchen. Auch versucht er sich mit jedem zu treffen, von dem er irgendwie gehört hatte, dass dieser etwas zum Thema zu sagen hätte. Einem Ratschlag seines Lehrers folgend, gibt er sich dabei immer als Anfänger aus, denn nur so würde man wirklich erfahren, worauf die betreffende Person ihr Schwergewicht legt. Er muss allerdings feststellen, dass er in ganz Amerika keinen wirklich kompetenten Lehrer finden kann, der in der Lage gewesen wäre, ihn tiefer in die Materie einzuweihen.

 

Ruhepuls von 12 Schlägen pro Minute

Nachdem er Uddjana und Nauli zum gewünschten Standard entwickelt hat, beginnt er damit, weitere Reinigungstechniken des Yoga zu erlernen. Den Kopfstand kann er inzwischen eine Stunde lang ausführen und will ihn auf drei Stunden täglich steigern, indem er zwei Sequenzen von eineinhalb Stunden anstrebt. Dies gelingt ihm allerdings nicht, denn es stellen sich Rücken- und andere Schmerzen ein, so dass er das Vorhaben zurückstellt. Die Übungen des Yoga und besonders das stundenlange Entspannen im Kopfstand führen zu einigen physiologischen Veränderungen insbesondere zu einem extrem tiefen Ruhepuls von etwa zwölf Schlägen pro Minute bei etwa vier Atemzügen.

Theos Bernard fühlt sich jetzt reif, eine Reise nach Indien zu unternehmen, um seinen Lehrer wiederzutreffen. Als er in Kalkutta eintrifft, muss er jedoch vernehmen, dass dieser zwei Wochen vorher verstorben war. Ein Tantriker, der mit seinem Lehrer in Verbindung gestanden ist, nimmt ihn in Empfang und begleitet ihn zu einem Swami, der ihn rituell in die erste Stufe des spirituellen Weges initiiert, indem er in ihm ein Mantra (eine geheime Meditationssilbe) verankert. Er verspricht ihm, er würde ihn zu gegebener Zeit an einen Ort bringen, wo er seinem Wunsch entsprechend die Gelegenheit hätte, den Hatha Yoga Weg bis in die Tiefe zu gehen. Vorher solle er aber Indien durchreisen, um sich einen Eindruck vom Land zu verschaffen. Gleichzeitig erklärt er ihm:

 

 

Die wichtigste Frage ist, wieweit sich der Schüler selbst in der Hand hat"

Yoga ist ein System höchster menschlicher Bildung. Der Schüler muss sich jedoch prüfen und von seinem Lehrer geprüft werden, denn das Entstehen der philosophischen Neugier ist dem Entstehen von Wünschen sehr ähnlich. Während jene aus dem Äusseren kommt, entsteht diese direkt im Intellekt. Für den Yogaweg im hohen und edlen Sinn braucht es von Anfang an Selbstvertrauen. Man muss fest daran glauben, das Schwierige oder schier Unmögliche zu bewältigen. Die wichtigste Frage ist, wieweit sich der Schüler selbst in der Hand hat. Die meisten straucheln daran, dass sie sich nicht selbst gehorchen können."

Mehrere Monate reist Theos Bernard kreuz und quer durch Indien bis hinunter nach Sri Lanka und versucht weiterhin Personen zu treffen, die ihm seine Fragen zu Yoga beantworten können. Unter anderem besucht er dabei das Yoga-Institut von Lonavla (vgl. den ausführlichen Beitrag im Yoga Journal Nr. 4), wo er Gespräche mit dem Swami Kuvalayananda führt. Auf seiner Reise merkt er, dass es schwierig ist, Kenner der höheren tantrischen Hatha Yoga Praktiken zu finden, da diese in Indien bereits etwas aus dem Gebrauch gekommen waren. Es wird ihm gesagt, die wahren Meister hätten sich nach Tibet zurückgezogen. So reift in ihm der feste Entschluss, später auch Tibet zu bereisen. Zuerst will er aber in Indien seinen Yogaweg fortsetzen.

 

In der Einsiedelei ein Yoga Programm rund um die Uhr

Zurück in Kalkutta bringen ihn seine Freunde zu einem Maharishi, der in der Nähe von Ranchi in einer abgelegen Einsiedelei lebt. Die Zeit für sein Training ist auf drei Monate veranschlagt. Er bekommt einen Raum zugewiesen, in dem er fortan die meiste Zeit verbringen wird. Vor allem geht es jetzt darum, alle Yogaübungen die er in den vergangenen Jahren erlernt hat, in ein System zu bringen, zu vervollständigen und ohne jegliche Ablenkung intensiv zu üben. Den Schwer- und Angelpunkt bilden dabei die Pranayama Übungen. Entsprechend seiner zunehmenden Energie steigert sich die Praxis, bis er sie praktisch rund um die Uhr aufrechterhält. (Vgl. den nachfolgenden Artikel mit einem Textauszug aus den Schlusskapiteln des Buches "Heavens lies within us").

 

Mit unablässiger Konzentration und einem in all seinen Aspekten voll auf die Sadhana ausgerichteten Leben ist es in der Tat möglich, in einigen Monaten die höheren Stufen und Bewusstseinszustände des Yoga zu erreichen. Im Rahmen einer feierlichen Schlussinitiation, in der offenbar auch der bewussteinsverändernde Hanf eine Rolle spielt, weiht ihn der Maharishi in die tantrischen Mysterien ein und schickt ihn dann nach Tibet weiter weil "dort noch lebendig und sichtbar sei, was in Indien blosse Tradition geworden ist".

 

 

Ein jähes Ende

Anschliessend an diese ausgedehnte Reise kehrt er wieder nach Amerika zurück wo er sich in Beverly Hills, Kalifornien, niederlässt und seine insgesamt vier Bücher verfasst. Neben den drei oben erwähnten Titeln handelt es sich um das heute noch erhältliche Buch "Hindu Philosophy".

Etliche Jahre später bricht er nochmals in den Orient auf, um im Tibet nach seltenen Manuskripten zu suchen. Bei dieser Expedition gerät er in die Bürgerkriegswirren zwischen Hindus und Moslems und wird vermutlich erschossen und seine Leiche in einen Fluss geworfen. Sein Verleger schreibt, gestützt auf eine Information, die an die Familie von Theos Bernard ergangen war:

"Es ist uns bis heute nicht gelungen, irgendeine verbürgte Nachricht über die ganzen Umstände seines Todes zu erhalten, ebensowenig, wie wir etwas über die Sachen wissen, die Theos bei sich hatte. Diese Gegend von Tibet ist so entlegen, dass wir wahrscheinlich niemals die vollständigen Einzelheiten erfahren werden."

Die Illustrationen entstammen dem Buch "Hatha Yoga" von Theos Bernard

 

Der Beitrag ist erschienen im Yoga Journal Nr.11

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